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Anders

Autor / Illustrator: Andreas Steinhöfel, Peter Schössow
Seitenzahl: 240
Erscheinungsjahr / Verlag: Carlsen Hamburg 2017
ISBN: 9783551315663
Preis: 7,99
Genre: Erzählung / Roman
Thema: Außenseiter / Angst / Familie / Jugend / Adoleszenz / Freundschaft
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

263 Tage liegt Felix Winter nach seinem Unfall im Koma, danach ist alles anders – seine Umwelt für ihn, er gegenüber seiner Umwelt. Er kann sich an nichts mehr erinnern, was vor dem Unfall an seinem elften Geburtstag passierte. Daher wählt Felix einen neuen Namen – Anders.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Felix kann sich an den Unfalltag, dessen Ereignisse und sein eigenes Befinden nicht mehr erinnern, als er nach 263 Tagen aus dem Koma, das er infolge eines Schädel-Hirn-Traumas erlitten hat, erwacht. Doch die Geschehnisse um sein Krankenbett, die Gespräche und Bekenntnisse des Krankenpflegers Gerry Brückhausen, der in die attraktive Ärztin Dr. Laura Wickert verliebt ist, hat Felix sehr wohl wahrgenommen, als er in seinem „Schneewittchen“-Schlaf, wie ihn Gerry nannte, lag. Diese Erinnerungen wiederum gibt Felix nicht preis, für ihn ist die retrograde Amnesie ein Schutz gegenüber einer Tat, die ihm erst später wieder bewusst werden wird. Die Welt, an der man elf Jahre lang beteiligt war, wieder neu kennen zu lernen, dies sind die Inhalte der ersten Tage nach dem Krankenhausaufenthalt. Die Nahtod-Erfahrung hat Felix den Schlüssel zu einer anderen ‚Ebene eröffnet, er kann seine Mitmenschen gewissermaßen durchschauen, erkennt deren Ängste, Gedanken, Nöte. Selbst der Kontakt mit den Eltern wird von diesen Erkenntnissen geprägt, Felix fühlt sich als ein anderer Mensch als der, der er früher war – als logische Schlussfolgerung gibt er sich einen neuen Namen und hofft auf eine neue Identität. Während sein Vater darauf eingeht, weigert sich seine Mutter, eine völlig nach außen orientierte Person, diesen neuen Sohn zu akzeptieren. Die Spaltung in der Familie, bereits vor dem Unfall begonnen, am Krankenbett des Sohnes verstärkt, realisiert sich nach dessen Rückkehr mit aller Wucht. Anders Vater nutzt die Situation, die Beziehung zu seinem Sohn neu zu gestalten und zu definieren, seine Mutter erkennt ihren Sohn nicht wieder, ignoriert aber auch dessen neue Fähigkeiten.

Mehrere Menschen, die Randfiguren des Felixschen Lebens waren, geraten in Anders‘ Sog und werden wie Spielfiguren plötzlich auf andere Felder gerückt. Ben und Nisse, die mit Felix ein abenteuerlustiges Jungentrio gebildet hatten, beobachten mit Spannung die neuen Wesenszüge ihres Freundes. Aber ist er überhaupt noch ein Freund? Felix spürt dank seiner sensiblen Antennen, dass ihn mit den beiden Jungen ein Geheimnis verbindet, dessen Schlüssel irgendwo verborgen ist, den er auf der Festplatte seines Laptops vor dem Unfall versteckt hat. Doch wie lautet der Zugangscode? Anders lebt nicht nur mit den Zweifeln an seiner Vergangenheit, sondern wird zunehmend durch seine neuen Wahrnehmungsmöglichkeiten belastet. Wie soll er mit so einem Leben zurechtkommen?

Der Prolog umfasst das Unfallgeschehen, wiedergegeben durch die Zeugenaussage der neugierigen Nachbarin und festgehalten im Protokoll der untersuchenden Polizisten, sowie die Verwandlung des Felix Winter in Anders, der im Sommer das Bewusstsein wiedererlangt. Der auktoriale Erzähler, der gelegentlich auf eine personale Ebene wechselt und damit ganz dicht bei dem Protagonisten ist, erfasst in sensibler Weise die Empfindungen all derer, die Felix emotional nahe stehen. Dazu gehört nicht die Mutter, vielmehr sind dies der Krankenpfleger und die behandelnde Ärztin, der Vater, der ehemalige Nachhilfelehrer Stack, die Klassenlehrerin Sabine Rücker-Neufeld und sein Kumpel Ben, während Nisse, der dritte Junge des Freundestrios als ‚der Schwarze bezeichnet wird und wie in den Ritterepen den Antagonisten darstellt. Der Leser erfährt sprachlich dicht und spannungstechnisch hervorragend ‚distanziert, wie sich nach und nach die Vergangenheit des elfjährigen Anders entblättert und dieser am Ende seine Doppelrolle Anders-Felix akzeptiert.

Dem Autor ist mit dem Buch ein eindrückliches Werk gelungen, in dem die Fragen vieler Pubertierender nach der eigenen Persönlichkeit aufgegriffen werden, das die Frage nach der eigenen Vergangenheit und der Zukunft in der Figur und im Schicksal des Felix Winter sprachlich und emotional zum Ausdruck bringt. Im Vergleich zu den vielen humorvollen Werken des Autors macht das vorliegende den Leser an manchen Stellen eher nachdenklich und traurig, dennoch, vielmehr gerade deshalb ist es durch seine emotionale Dichte und die wiederholt schonungslose Kritik an der Erwachsenenwelt ein sehr empfehlenswertes Buch.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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