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Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen

Autor / Illustrator: Gudrun Skretting
Seitenzahl: 255
Erscheinungsjahr / Verlag: Carlsen Hamburg 2017
ISBN: 9783551583703
Preis: 14,99
Genre: Roman
Thema: Familie, Paarbeziehungen, Liebe, Sex, Verhütung
Zielgruppe: Büchereigrundstock

Kurze Inhaltsangabe

Der 12jährige Anton ist der Kleinste der Klasse und hat Segelfliegerohren. Seit dem Tod seiner Mutter lebt er allein mit seinem Vater in einem liebevollen, aber leicht verlotterten Männerhaushalt. Er beschließt deshalb, zusammen mit seiner Freundin Ine für Vater eine Frau zu besorgen. Beim Flicken eines Fahrradschlauchs erfährt Anton so nebenbei von seinem Vater, dass er die Folge eines geplatzten Kondoms sei, ein „Unfall“ also.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

„So ein kleiner Riss im Gummi kann schon unerwartete Folgen haben“, sagt Antons Vater, als er seinem Sohn beim Fahrradflicken zuschaut. Anton selbst erzählt seine Geschichte und seine Gefühle nach dieser Eröffnung, dass er ein „Gummi-Unfall“ sei.

Als er seiner Freundin Ine von dieser Neuigkeit berichtet, reagiert diese sehr trocken und meint tröstend, dass Antons Eltern doch zumindest „Spaß“ dabei hatten. Und dann: „Schon mal was von Reagenzgläsern gehört?“ Ine ist nämlich ein „Reagenzglas-Baby“. Das hört nun Anton zum ersten Mal.

Bei diesem Roman der norwegischen Autorin handelt es sich keinesfalls um ein „Aufklärungs-Buch“, sondern um eine vergnügliche Erzählung über Liebe, Sex und Partnerschaft aus der Sicht von Zwölfjährigen. Es ist erfrischend, wie sachlich und kenntnisreich die Kinder über Fortpflanzung und Verhütung diskutieren. Schließlich bereiten sie sich alle auf Referate zu diesen Themen für die Schule vor. Doch was die „großen“ Gefühle angeht, da herrscht bei den Kindern noch große Unwissenheit und Naivität vor.

Grund genug für sie, die Erwachsenen in ihrem Umfeld kritisch zu beobachten. Bei Antons Papa stellen sie eine leichte „Schieflage“ fest, seit seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam. Anton vergleicht dieses Ereignis mit dem Einschlag des Planeten Theia, der die Erde von Milliarden Jahren in Schieflage gebracht hat. Aus einem Gesteinsbrocken sei dann der Mond entstanden. Dies ist für Anton wie ein Gleichnis für seine Familie: Er als Mond, Papa als Erde.

Im Vergleich zu den Familien von Ine und seinem Freund Ole schneidet Antons Papa nicht sehr gut ab: Er ist Vertreter für Ferienhaus-Toiletten, sein Äußeres ist ungepflegt, er lässt meist die Pizza anbrennen und vergisst, rechtzeitig Unterhosen zu waschen. Aber: zum Essen sitzen Vater und Sohn bequem vor dem Fernseher und legen die Füße auf den Tisch.

Bei Ine zu Hause scheint alles perfekt und hygienisch, ihre Mama, eine Anwältin, bereitet nur „gesunde“ Nahrung zu und beschriftet die Bananen für die Schule mit motivierenden Lebensweisheiten. Auch ihr Papa hat einen angesehenen Beruf, der „nicht peinlich“ ist.

Am schönsten geht es bei Ole zu. Seine Eltern sind immer gut gelaunt, laden viele Gäste ein und nehmen Ole, Ine und Anton zu Ausflügen mit. Und während die Kinder herumtollen, sitzen die beiden „auf einer Deck und halten Händchen“, ja, sie küssen sich sogar.

Damit Antons Papa aus seiner Schieflage wieder gerade gerichtet werden kann, muss eine Frau her. Doch wie soll sie sein, damit Papa sich in sie verliebt? Wie bringt man sie mit Papa zusammen? Und überhaupt, Papa selbst muss für Frauen „interessant“ gemacht und „aufgepeppt“ werden. Das sind Fragen, die man mit Hilfe von Frauenzeitschriften zu beantworten sucht.

Gleichzeitig will Ine die Ehe ihrer Eltern retten, die trotz aller Perfektion ebenfalls in Schieflage geraten ist. Mit viel Eifer und kindlicher Naivität machen sich die drei Freunde ans Werk. Mit Duftkerzen, Rosen, romantischer Musik und Partnerschaftsanzeigen tun sie ihr Bestes, um Liebe zu stiften. Auch Antons Papa hat eine Anzeige geschaltet, um mit einer Veranstaltung für seine Klohäuschen zu werben.
In sehr kurzen Kapiteln lässt Anton die Lesenden an all den Verwechslungen und Horrorereignissen hautnah teilnehmen, die sich daraus ergeben. Die Situationskomik ist umwerfend, auch wenn manche Pointe schon sehr in Richtung Kalauer geht. Doch mit seinem kindlichen Charme ist Anton ein witziger Erzähler. Dass seine Schilderungen zu einem so herrlichen Lesegenuss werden, ist sicher auch das Verdienst der Übersetzerin Gabriele Haefs, die genau den Ton des Jungen trifft.

Sehr gelungen ist der Autorin die Beschreibung der so unterschiedlichen Lebenswelten der Kinder. Oles Familie ist komplett und sehr glücklich, Ines Familie ist gerade zerbrochen, ihre Eltern werden sich aber „perfekt“ um die Tochter kümmern. Und Antons Vater überlegt, ob er vielleicht eine „Wochenendbeziehung“ mit der Elektrikerin versuchen will.

Gudrun Skretting lässt die verschiedenen Lebensentwürfe ganz ohne Wertung nebeneinander stehen. Hier haben sehr viele junge Leserinnen und Leser die Möglichkeit, ihre eigene Familiensituation zu erkennen und eventuell zu akzeptieren. Es gibt in diesem Buch mehrere Varianten von Paarbeziehungen, die funktionieren können. Und ein bisschen „Aufklärung“ gibt es obendrein.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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