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Das Jahr, in dem ich lügen lernte

Autor / Illustrator: Lauren Wolk
Seitenzahl: 267
Erscheinungsjahr / Verlag: Hanser München 2017
ISBN: 9783446254947
Preis: 16,00
Genre: Erzählung / Roman
Thema: Familie / Jugend / Adoleszenz / Streit / Konflikt
Zielgruppe: Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei

Kurze Inhaltsangabe

Der beeindruckende Roman spielt über einen wenige Wochen umfassenden Zeitraum im Herbst 1943 in einer ländlichen Gegend im Nordosten der USA. Er thematisiert durchgängig und dabei spannend und variantenreich die Auseinandersetzung zwischen der sympathischen 11-jährigen Ich-Erzählerin Annabelle und dem aus der Stadt zu den Großeltern geschickten "bösen Mädchen" Betty, wobei es wirklich um Leben und Tod geht!

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Annabelle wohnt mit ihren Eltern, zwei jüngeren Brüdern, ihren Großeltern und einer Tante in einem alten, aber ausreichend großen Farmhaus. Seit einigen Jahren verfügen sie über fließendes Wasser, Elektrizität, sogar ein Telefon und als besonderen Luxus über eine im Haus eingebaute Toilette! Anschaulich und ausführlich wird das Leben auf einer Farm in dieser Zeit beschrieben: Alle Familienmitglieder müssen mithelfen, es gibt noch keine hochgradige Spezialisierung der Bewirtschaftung, Selbstversorgung und lokaler (Tausch-)Handel stehen im Zentrum. Alle diese interessanten Lebens- und Arbeitsaspekte werden unaufdringlich, aber einprägsam aus der Sicht Annabelles geschildert und bilden die Grundlage des Geschehens.

Im Vordergrund steht der Konflikt zwischen Annabelle und Betty, die gleich zu Beginn des Romans in diese Idylle einbricht und diese schwerwiegend stört, stärker noch als im Großen der Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg, der sich durch vereinzelt verwundete bzw. getötete Farmersöhne im Landleben bemerkbar macht. Betty soll ein schwer erziehbares Mädchen aus der Stadt sein und führt sich auch entsprechend in der einklassigen Dorfschule (mit rund 40 Kindern) auf. Vor allem aber sucht sie die Auseinandersetzung mit Annabelle, wobei wohl auch Sozialneid eine Rolle spielt. Sie erpresst diese, bedroht und schlägt sie und realisiert auch lebensbedrohliche Angriffe auf deren jüngere Brüder. Dabei tarnt Betty ihre Attacken mit psychischem Druck gegenüber den Opfern und ihrer Fähigkeit, harmlos zu wirken, gekonnt zu leugnen, zu lügen und zu intrigieren, weshalb der deutsche Buchtitel m.E. treffender ausfällt als das amerikanische Original. In Verdacht ob der vielen Missetaten gerät statt Betty ein Kriegsveteran des 1. Weltkrieges, der als Einsiedler und geduldeter Außenseiter seit geraumer Zeit in dieser Gegend lebt.

Man erfährt in diesem Jugendroman somit sehr viel über das Farmerleben mit seinen arbeitsteiligen und geschlechterspezifischen Tätigkeiten in den USA der 40er Jahre, viel über den Ablauf in der einklassigen ländlichen Grundschule, Aufschlussreiches über die Nachbarschaftshilfe und ihren fließenden Übergang zur Selbstjustiz, über das latente Vorurteil anderen Einwanderen bestimmter Herkunftsländer gegenüber und vor allem viel über die psychischen Abläufe bei Erpressung und Gewaltausübung.

Das alles wird in flüssiger Sprache mit viel wörtlicher Rede und zahlreichen inneren Monologen anschaulich dargestellt und durch die kaum aussetzende Spannung dank raffinierter Handlungsgestaltung fesselnd präsentiert. Auch die wichtigen Figuren sind, wenn auch leicht typisiert, so doch glaubwürdig konzipiert, so dass sich hier eine sehr lehrreiche, ungemein spannende und durchweg bewegende Lektüre für LeserInnen ab 12 anbietet!

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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