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Die Panne und andere Erzählungen

Autor / Illustrator: Friedrich Dürrenmatt
Seitenzahl: 164
Erscheinungsjahr / Verlag: Diogenes Zürich 2017
ISBN: 9783257261356
Preis: 12,00
Genre: Erzählung / Roman
Thema: Ethik / Philosophie / Spannung / Detektiv
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff für Arbeitsbücherei

Kurze Inhaltsangabe

Aufgrund einer Autopanne muss Alfredo Trapps, Vertreter einer mittelgroßen Textilfirma, in einem kleinen Dorf in der schweizerischen Provinz übernachten. Er gerät in eine ansehnliche Villa, in der vier ältere Herren ein Gesellschaftsspiel abhalten, das ihnen – ehemaligen Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern – zum Zeitvertreib dient. Traps übernimmt die Rolle des Angeklagten, im Bewusstsein seiner Unschuld. Doch man versichert ihm, dass eine Schuld sich immer finden lasse...

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Die Schmuckbändchen-Reihe von Diogenes veröffentlicht in diesem Januar bereits zum x-ten Male Friedrich Dürrenmatts Erzählung „Die Panne“, gebunden und mit rotem Lesebändchen. Ergänzt wird die Neuauflage durch die beiden eher unbekannten Erzählungen „Das Haus“ und „Aufenthalt in einer kleinen Stadt“.

Die Kritiken zu diesem knapp 80 Seiten umfassenden Werk könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Sigrid Löffler sie als banalisiertes Plagiat zu F. Kafkas „Der Prozess“ abkanzelt, zählt M. Reich-Ranicki die Erzählung zu den besten deutschen Prosawerken nach 1945 und bezeichnet „Die Panne“ als einziges Werk Dürrenmatts von weltliterarischem Rang. Dabei hebt er besonders zwei Aspekte hervor. Erstens, dass es sich um einen tragik-komisch gespielten juristischen Prozess, d.h. eine Parodie des Gerichtswesens, handelt. Und Zweitens, dass die Schuld des Protagonisten eine ins lächerliche gezogene Kollektivschuld ist, die jedoch nicht verunsichert und beängstigend-bedrohlich ist, wie bei Kafka, sondern der mit Humor und Ironie begegnet wird.

Die Erzählung, ursprünglich bereits 1955 verfasst, mit dem Untertitel Eine noch mögliche Geschichte 1956 erstmals erschienen – wurde noch vor der Buchveröffentlichung bereits als Hörspiel umgearbeitet am 17. Januar 1956 im NDR urgesendet. Dieses Hörspiel – mit leicht veränderter Handlung und deutlich gekürzt – erhielt noch im selben Jahr den „Deutschen Hörspielpreis der Kriegsblinden“ und begründetet lange Zeit den Ruhm des Werkes. Die eigentliche Vorlage des Hörstücks war lange Zeit vergessen und ist erst Mitte der 90er wieder ins Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit gerückt – nicht zuletzt durch M. Reich-Ranickis Besprechung.
Ein auktorialer, sarkastisch berichtender Erzähler schildert in knapper – typisch dürrenmattscher – Form von einer zufälligen Autopanne eines Handlungsreisenden. Im Dorf, in welchem die Panne geschah, ist kein Zimmer frei, und so verbringt er die Nacht im Haus eines pensionierten Richters. Die Einladung zu einem üppigen, von der Haushälterin des Gastgebers zubereiteten Mahl, an dem auch die Ruheständler Staatsanwalt Zorn, Verteidiger Kummer und Henker Pilet teilnehmen, wird mit der Teilnahme an einem unschuldig daher kommenden „Gesellschafts-Spiel“ verbunden. Die Greise spielen jeden Abend ihre alten Berufe - Traps soll die Rolle des Angeklagten übernehmen. Nun entspannen sich über knapp 60 Seiten Dialoge in wörtlicher Rede, die nur durch Beschreibungen des parallel stattfindenden Festmahls unterbrochen werden. Das Tischgespräch zeigt Traps als Geschäftsmann, der für seinen sozialen Aufstieg der letzten 10 Jahre die (in der westlichen Welt normalen und nötigen) Mittel kennt und einsetzt. Zuerst noch stolz auf sein Leben, wird ihm nun klarer, dass er sich bisher zwar immer im Rahmen der Legalität, des Rechts bewegt hat, zugleich aber zahlreiche Gebote der Gerechtigkeit und Moral missachten musste. In der zunehmend alkoholisierten Stimmung der Tischrunde sieht Traps sich bald nicht mehr als jemanden, der nur von „günstigen Umständen“ profitiert hat, sondern als „Täter“...

„Gestehen muss man, ob man will oder nicht, und zu gestehen hat man immer was“, heißt es an zentraler Stelle. Dies deutet auf Dürrenmatts tiefste Überzeugung hin, dass seit Beginn der Moderne Recht und Gerechtigkeit soweit auseinanderklaffen, wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Für dieses Credo ist Dürrenmatts Erzählung eine Art Exempelgeschichte.

„Die Panne“ ist zurecht ein anhaltend populäres Werk und lohnt jede Neuveröffenlichung. Insbesondere die Frage von Schuld und Gerechtigkeit in der (liberal-kapitalistischen) Moderne machen Die Panne zu einem zeitlos aktuellen Werk der Literatur und eignet sich gerade für die Erstbegegnung mit Dürrenmatt hervoragend – enthält sie doch sowohl seine Poetik als auch seine Themen in nuce.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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