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Das Mädchen mit der Perlenkette

Autor / Illustrator: Jansen Maneis
Seitenzahl: 14
Erscheinungsjahr / Verlag: Don Bosco München 2016
ISBN: 9783769823028
Preis: 14,95
Genre: Sachliteratur / Sachbilderbuch
Thema: Flucht / Angst / Hoffnung / Fremde Kulturen
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

„Hoffnung ist der Glaube, dass alles gut gehen wird“. Ganz nach diesem Zitat der Geschichte wird hier die lange, beschwerliche Flucht der sechsjährigen Raha zusammen mit ihrer Mutter nach Deutschland eindrucksvoll beschrieben.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Kaum ein Thema ist so brisant wie jenes, welches in dieser Bildergeschichte eindringlich verarbeitet, erzählt und illustriert wurde - die Flucht. Unzählige Menschen teilen das Schicksal der kleinen Raha, die in dieser Geschichte ihrer heilen Welt entrissen wird und einen langen, beschwerlichen Weg ins Unbekannte antreten muss. Mitten in der Nacht, ohne Vorankündigung muss sie ihr geliebtes Heimatland verlassen. In der Hoffnung, dass ihr Vater bald nachkommen wird, verlässt Raha zusammen mit ihrer Mama und einem Rucksack in der Hand die Wohnung. Doch ihre schöne Perlenkette, die sie erst vor ein paar Tagen zum Geburtstag bekommen hat, will sie unbedingt mitnehmen. Sie hat sie am Abend über die Stuhllehne gehangen. Vor lauter Aufregung zieht sie so stark an der Kette, dass alle Perlen zu Boden fallen. Sie kullern in alle Richtungen. Doch es bleibt keine Zeit, sie aufzusammeln. Sie müssen fliehen. Nur eine Perle konnte Mama retten. Diese drückt sie Raha kurz vor der Flucht noch schnell in die kleine Hand.

Raha hielt die Perle ganz fest. Sie ist tieftraurig. Die Kette war ihre letzte Erinnerung an eine Zeit, in der die Welt noch schön war. An eine Zeit in einem Land, wo an Obstbäumen Zitronen und Granatäpfel wuchsen und an Palmen Datteln hingen. An eine Zeit, als sie in der Grundschule vergnügt in der ersten Reihe neben ihrer Freundin saß. An eine Zeit, in der sie zusammen mit Oma und Opa, ihrem Papa und ihrer Mama ihren sechsten Geburtstag feierte. Das war der Tag, an dem sie die Kette geschenkt bekam.

Doch plötzlich verändert sich ihr Leben schlagartig. Sie flieht mit dem Bus aus ihrer geliebten Heimatstadt übers Land in Richtung eines Gebirges. In den Bergen werden sie in ein einsames Häuschen gebracht, in dem auf dem staubigen Steinboden weitere Menschen sitzen. Alles Flüchtlinge, die aus einem Land stammen, in dem Krieg herrscht und Bomben vom Himmel fallen. Alle warten gemeinsam auf den Schleuser. Als dieser eintrifft, müssen sie einen weiteren, steinigen Pfad auf dem Rücken eines Pferdes hinter sich bringen. Sie passieren die von Stacheldraht umgebene Grenze und gelangen in ein nebeliges Tal. Wochenlang sind sie unterwegs, um ans Meer zu gelangen. Nur von dort aus können sie nach Europa gelangen. Raha`s Mama muss immer wieder arbeiten, um für Essen und Übernachtung zu sorgen. Die Mutter verkauft schließlich all ihren Schmuck, um den Schleuser zu bezahlen, der ein Boot besitzt, mit dem sie nach Europa kommen sollen. Das Meer ist tief und die Wellen oft hoch, doch sie schaffen die Überfahrt. In Deutschland angekommen, geraten sie an einen schlimmen Schleuser, der ihnen alles Geld wegnimmt und alle Menschen in seinem Lastwagen einsperrt. Erst als Polizisten die großen Türen des Lastwagens öffnen und Raha freundlich Willkommen heißen, atmet sie auf. Endlich Luft! Die anstrengende Fahrt ist vorbei. Wie Rahas Geschichte weiter geht, welche Menschen ihr noch auf dem Weg begegnen und welche Veränderungen nun auf sie warten, erfährt der Rezipient beim Betrachten der letzten vier Bildkarten.

Die Perlenkette, an der nur noch eine einzelne Perle hängt, fungiert im Verlauf der Geschichte als Symbol für Raha`s Flucht. An jedem auch noch so schrecklichen Ort erhält sie eine wunderbare Kostbarkeit, die sie perlengleich an ihre Kette fädeln kann. Ob eine Nussschale vom Boden aus dem staubigen Haus in den Bergen, eine Bommel vom Zaumzeug des Pferdes, die sie vom Schleuser geschenkt bekommt, das Steinchen vom Meer, mit dem Loch in der Mitte oder der Knopf von der Uniform der freundlichen Polizistin. Jede einzelne Perle versinnbildlicht jeweils eine Station, die Raha auf ihrer beschwerlichen Flucht durchläuft.

Auch wenn die Perlenkette am Ende der Geschichte nicht mehr so wunderbar glänzend und ohne Makel ist, so wie auch Rahas Leben vor der Flucht perfekt und glücklich schien, so ist sie doch am Ende mit ihren unterschiedlichen Perlen wieder vollkommen, nur in einer ganz anderen Art und Weise. Vollkommen ist am Ende der Geschichte auch Rahas kleine Familie wieder, als sie endlich ihren Vater in die Arme schließen kann. Nur eben anders, geprägt von vielfältigen, schwermütigen und schrecklichen Erfahrungen.

Die Illustrationen entstammen aus der Hand von Maneis, ein in Teheran geborener Künstler, der in seinem Heimatland Iran Kinder- und Schulbücher illustrierte und seit 2009 in Würzburg lebt. Er selbst flüchtete 2009 nach Deutschland und spiegelt seine eigenen Erfahrungen als Asylbewerber in seinen Illustrationen wider. Seitdem fanden seine Illustrationen zum Thema Flucht und Heimat in mehreren Ausstellungen Beachtung. Im Jahr 2014 erhielt er zudem den Kulturförderpreis der Stadt Würzburg.

Die Illustrationen dieser Geschichte werden auf 14 Bildkarten im A3-Format auf qualitativ hochwertigen Bildkarten präsentiert. Während auf der ersten Bildkarte die Szenerie noch in leuchtend, bunten Farben erstrahlt und Raha´s Familie in einer wohligen, hellen Atmosphäre beisammen sitzt, verändert sich die Farbwahl und Konturierung schon auf der folgenden Illustration, die schon Schlimmes erahnen lässt. So werden vor allem die einzelnen Stationen auf der Flucht in überwiegend dunklen Grau- und Blautönen illustriert, die auf der einen Seite Starrheit in der Mimik der Personen und in der Linienführung offenbart, um die Überstürzung und Fassungslosigkeit hervorzuheben. Auf der anderen Seite wird wiederum Bewegung und Lebendigkeit durch schwungvolle Linienführungen ausgedrückt, um die raschen Veränderungen und vielen neuen Eindrücke Raha´s zu veranschaulichen. Einzig eine Illustration auf dem Weg der Flucht, nach der Überfahrt über das endlose Meer, lässt den Betrachter kurz Innehalten, denn die sanfte, weiche Farbwahl lässt Hoffnung am Horizont erahnen. Die Hoffnung wird ebenso verdeutlicht durch die sich im Meer spiegelnde Sonne als Lichtblick, die leicht über Raha schwebt, die sich im Vordergrund befindet und gerade den Stein für ihre Perlenkette entdeckt, der wie ein Rettungsring anmutet. Ab der elften Bildkarte verändert sich die Grundstimmung und das Ankommen in Deutschland wird in einzelnen Szenen detailreich und farblich ein wenig heller illustriert. Schließlich wird auf der letzten Bildkarte das Symbol der Geschichte, die vollkommene Perlenkette und die wiedervereinten Eltern präsentiert. Insgesamt wirken die Illustrationen sehr ausdrucksstark und in jeglicher Hinsicht berührend.

Der Text liegt den Illustrationen in einem Begleitheft zweisprachig, sowohl in Deutsch als auch in Arabisch zu Grunde. Außerdem beinhaltet das Begleitheft einen Vorschlag zur Musikalisierung der Geschichte von Julia Erche. Überdies gibt es einen Link zum Downloaden von Informationen über Flucht und Asyl, die Situation in den Herkunftsländern und Fachinformationen zum Thema Trauma und sequentielle Traumatisierung sowie Tipps für Erzieherinnen und Pädagogen.

Sowohl der Text als auch die Illustrationen sprechen mit jeder einzelnen Zeichnung und in jeder einzelnen Zeile die Emotionen der Rezipienten an. Es fällt schwer, Tränen zurückzuhalten angesichts des Schicksals der kleinen Raha. Und doch ist es so wichtig, von diesem Schicksal zu erfahren, denn Kinder, die in Frieden und Wohlstand aufwachsen, kennen das Schicksal vieler Flüchtlinge nicht. Woher auch? Um auf das Schicksal von Kindern, wie Raha aufmerksam zu machen, für die Lebensumstände zu sensibilisieren und Mitgefühl zu wecken, sind diese Bildkarten hervorragend geeignet. Wecken sie doch eine tolerante und wertschätzende Haltung gegenüber Mitmenschen, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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