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Apfelblüten+Jasmin

Autor / Illustrator: Carolin Philipps
Seitenzahl: 244
Erscheinungsjahr / Verlag: Obelisk Innsbruck 2017
ISBN: 9783851978636
Preis: 13,00
Genre: Erzählung / Roman
Thema: Angst / Familie / Gefühle / Freundschaft / Fremde Kulturen / Flucht / Gewalt / Missbrauch / Liebe / Ungleichheit
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

Talitha ist mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder aus Syrien nach Europa geflohen. Ihr Ziel war Frankreich, aber den Vater verloren sie an der ungarischen Grenze, Mutter und Bruder Noah blieben in Österreich zurück. Sie ist auf sich selbst gestellt, in einem Land, das nicht ihre Heimat ist.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Talitha ist sechzehn Jahre alt, ihre Familie ist groß. Nach der Zerstörung der antiken Stadt Maalula, in der viele Christen lebten, die über Jahrtausende hinweg die aramäische Sprache, die Sprache Christi, ungestört sprechen und pflegen konnten, suchten viele Verwandte bei Talithas Familie Unterschlupf. Zwei tragische Schicksalsschläge waren für Talithas Eltern Auslöser für die gefahrvolle Flucht nach Europa: Ihr ältester Sohn Simon, der kurz vor dem Abitur stand, wurde am 13.12.2014 von einer Autobombe zerfetzt. In seinen Kleidern fand die Polizei einen Stick mit Fotos von sterbenden Kindern in Yarmouk, die er ausländischen Reportern zugespielt hatte. Von diesem Tag an wurde die Familie überwacht, Talitha eines Abends von der Geheimpolizei abgeholt, ins Gefängnis gesteckt, gefoltert und vergewaltigt. Ein Jahr zuvor, am 4.9.2013, Talithas 14. Geburtstag, war ihre Großmutter Qashto auf dem Weg zur Kirche von IS-Kämpfern in Maalula erschossen worden. Aus Angst, als Christen noch mehr Angehörige zu verlieren, erklärten sie Talitha für tot und begaben sich auf die Flucht.

Für Talitha bedeutet dies, dass sie keinen gültigen Pass hat, die Geburtsurkunde liegt bei der Mutter in Salzburg, das letzte Schulzeugnis ist im Gepäck des Vaters, der irgendwo an der Grenze nach Österreich sein muss. Talitha hat bei ihrer Einreise nach Deutschland ihr wahres Alter um zwei Jahre nach oben verfälscht, nicht ahnend, dass erwachsene Flüchtlinge ohne Weiteres abgeschoben werden können. Sie möchte zu ihrem Cousin Rafi nach Hamburg, der scheint es geschafft zu haben, wie er seinen Eltern schreibt. Doch nach langem Suchen erfährt Talitha die bittere Wahrheit: Rafi steht vor der Abschiebung, weil er gegen das Gesetz verstoßen hat. Alles läuft anders, als sie es in Damaskus geplant haben. In den Flüchtlingslagern muss sie sich als Christin gegen die Übergriffe der muslimischen Männer wehren, ihre Pläne, die Mutter und Noah nachzuholen, scheitern an ihrer falschen Altersangabe, die Zeit und die Terrorakte in Frankreich, Berlin usw. arbeiten gegen sie und ihre Akzeptanz als Flüchtling. Hautnah erlebt sie die Fremdenfeindlichkeit der Pegida mit, aber auch die hasserfüllten Äußerungen Einzelner machen ihr Angst. Hinzu kommen die Albträume, die sie nachts nicht schlafen lasse.

Ohne Beschönigung und mit der notwendigen Kritik an dem fremdenfeindlichen Verhalten etlicher Deutscher schildert die Autorin aus personaler Sicht den Kampf einer jungen Frau, deren Herz in Damaskus geblieben ist, deren erste Liebe Fady ihr ewige Treue geschworen hat und ebenfalls auf der Flucht ist. Nur langsam fasst sie Vertrauen in ihr neues Umfeld, aber selbst in der Familie ihrer Therapeutin Jutta, mit deren Tochter Julia sie dieselbe Klasse besucht, deren Mann Helmut Talitha in der Vorbereitungsklasse unterrichtet, gibt es einen Widersacher – Mats, Julias älteren Bruder. Dessen Hass auf die Flüchtlinge entstammt der Enttäuschung, dass die Sporthalle seines Vereins für die Flüchtlinge benutzt wird und das Team deshalb an einem weit entfernten Ort trainieren muss. Dessen Anfeindungen gehen sogar so weit, dass Talithas Cousin Rafi beschließt, nach Syrien zurückzukehren und sich oppositionellen Einheiten anzuschließen. Talitha muss erkennen, dass sie vor der Menschenfeindlichkeit nicht fliehen kann, diese ist überall.

Die Autorin hat ausführlich recherchiert und damit ein Werk geschaffen, das emotional mitnimmt, das die Augen öffnet und für Toleranz und Akzeptanz des / der Fremden wirbt. Leider ist das Buch bis jetzt nur in gebundener Ausgabe erhältlich, man kann für eine Erarbeitung im Unterricht nur hoffen, dass eine Taschenbuchausgabe dieses sehr empfehlenswerten Buches auf den Markt kommt.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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