Bundesverband Leseförderung e.V.
Wir lesen, weil wir die Welt verstehen und gestalten wollen

Buchtipp Archiv

Und du kommst auch drin vor

Autor / Illustrator: Alina Brodsky
Seitenzahl: 190
Erscheinungsjahr / Verlag: dtv München 2017
ISBN: 9783423761819
Preis: 16,95
Genre: Erzählung / Roman
Thema: Literatur / Mädchen / Frau / Jugend / Adoleszenz
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff für Arbeitsbücherei

Kurze Inhaltsangabe

Das Leben der 15-jährigen Kim kann prototypischer für einen Teenager nicht verlaufen: Die Schule nervt, die Eltern trennen sich und Bücher haben im bisherigen Alltag eine relativ geringe Anziehungskraft. Das ändert sich schlagartig, als die Klasse zu einer Autorenlesung in die Bücherei geht. Die Schriftstellerin Leah Eriksson liest aus ihrem neuen Jugendbuch vor, und diese Erzählung stimmt in fast allen Bereichen mit Kims Geschichte überein. Doch das Happy End scheint bedroht.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Alina Bronsky präsentiert einen originellen und neuartigen Plot, indem sie die Rezeptionserfahrungen des eigenen Leseprozesses auf verschiedenen Ebenen in die Handlung einstrickt. Die Protagonistin Kim hat in ihrem bisherigen Leben freiwillig eher wenig gelesen. Als die Schulklasse mit der jungen Referendarin im Fach Deutsch in die Bücherei gehen muss, um eine Autorenlesung zu erleben, wird Kim - im Gegensatz zu ihren Klassenkameraden - als einzige hellhörig. Denn die Geschichte, die die Autorin vorliest, handelt von ihr selbst. Kim will der Autorin sofort das Buch abkaufen, doch die Schriftstellerin zeigt sich eher genervt und weist Kims Interesse zurück. Also kauft Kim sich ein eigenes Exemplar und liest das erste Mal ein ganzes Buch.

Diese Lektüre verändert alles: Kim erkennt sich, abgesehen von kleinen Entfremdungen, in der Hauptfigur des Buches in allen Bereichen wieder, und zwar nicht nur in den Schilderungen der Ereignisse, sondern auch in den Gedanken und Gefühlen. Die Übereinstimmungen sind frappierend. Die Eltern trennen sich und der Vater zieht mit seiner neuen Lebensgefährtin zusammen, mit der ein weiteres Kind kommt. Gravierender ist allerdings die Tatsache, dass sowohl die Buchfigur als auch Kim einen Jungen kennenlernen, der in der Geschichte durch einen Insektenstich tödlich verunglückt. Kim erkennt sofort Parallelen zu der sich anbahnenden Beziehung zu ihrem Klassenkameraden Jasper und sucht händeringend nach Möglichkeiten, das tragische Schicksal in ihrer eigenen Welt zu verhindern.

Zusammen mit ihrer besten Freundin Petrowna setzt sie alles daran, um mit der Autorin in Kontakt zu treten, damit sie die Geschichte neu schreibt. Doch Leah Eriksson zeigt sich wenig kompromissbereit, denn schließlich ist das Buch ja schon erschienen und somit kann die Handlung nicht rückgängig gemacht werden. Glücklicherweise ist Petrowna, alias Erna, nicht nur das extrovertierte Pendant zu Kim, sondern gleichzeitig auch ihr persönliches Sprachrohr. Gemeinsam streben sie verschiedene Wege an, um mit der Autorin nach positiven Lösungsmöglichkeiten zu suchen und lassen sich sogar von einem Einbruch in die schriftstellerische Wohnung nicht abbringen. Dabei geraten die beiden Jugendlichen in zahlreiche utopische Situationen, die aber auch kein Happy End offenbaren.

Kurzentschlossen schreibt Petrowna selbst die Geschichte neu und verwickelt dabei ganz ungeplant sich selbst als Hauptakteurin in die Handlung, sodass die sich anbahnende Liebesbeziehung nun zwischen ihr und Jasper entwickelt. Da aber auch diese Verbindung scheitert, sieht Kim sich verantwortlich, Jasper zu beschützen. Als im echten Leben der Todesfall ausbleibt, ist die Erleichterung groß. Erst Wochen später erlebt Kim dann mit dem neuen Mitschüler Henry den prophezeiten Allergieausbruch. Bei ihrem ersten Kuss zeigt sich, dass Henry die von Kim kurz vorher genaschten Erdnüsse nicht vertragen kann. Einerseits wirken die zahlreichen scheinbar zufälligen, oft märchenhaft wirkenden Situationen handlungstreibend, auf der anderen Seite beeindrucken die vielfältigen Bezüge zum eigentlichen Leseprozess.

Das, was in der Lesedidaktik als Rezeptionsästhetik zusammengefasst wird, nämlich die Tatsache, dass der Leser durch die eigene Lektüre den Text mitbestimmt, wird hier zum Thema des Buches. Programmatisch deutet das Cover bereits auf dieses Stilmittel hin. In der silbrig glänzenden Folie kann der Betrachter sein eigenes Spiegelbild erahnen und schaut durch die eigenen Augen in das Buch. Dieses Verfahren wird parallel inhaltlich umgesetzt und bahnt so einen Diskurs zu verschiedenen Lesarten an.

Die stereotypische Darstellung des Autorendaseins und die grundsätzliche Buchferne von heute aufwachsenden Jugendlichen können zunächst kritisch beäugt werden, gleichzeitig bieten sie möglicherweise Ansatzpunkte für eine fruchtbare Diskussion. Auf jeden Fall bietet die narrative Struktur Potential zur Thematisierung im Unterricht.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
← zurück zum Archiv
Bundesverband Leseförderung e.V. | Rathausstr. 37a | 52072 AachenTelefon: +49 (0)700 / 28 537 361 | Sprechzeiten: Di. 15–17 Uhr, Do. 10–12 Uhr
Ein Anruf aus dem deutschen Festnetz kostet:
Mo – Fr von 9 – 18 Uhr: 6,3 ct/30 Sekunden, übrige Zeit: 6,3 ct/Minute
Email: info@bundesverband-lesefoerderung.de© 2009 - 2018 by Bundesverband Leseförderung e.V.