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Ich war dabei – Geschichten gegen das Vergessen

Autor / Illustrator: Gudrun Pausewang
Seitenzahl: 154
Erscheinungsjahr / Verlag: Fischer Frankfurt aM 2015
ISBN: 9783733501051
Preis: 6,99
Genre: Erzählung
Thema: Nationalsozialismus
Zielgruppe: Büchereigrundstock

Kurze Inhaltsangabe

Gudrun Pausewang hat die Nazizeit als Kind und Jugendliche erlebt. In diesem Buch finden sich 20 Kurzgeschichten, die das Leben und Denken in dieser Zeit zum Thema haben.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Der Eintopf war noch warm. Nachdem die jüdische Familie abgeholt worden war, stürmten die Nachbarn ihre Wohnung und nahmen, was sie brauchen konnten. Eine Plünderung, ganz selbstverständlich und zigtausenfach geschehen; man musste aber, wenn man nicht leer ausgehen wollte, schnell sein und durfte nicht lange zögern. Der Tisch war gedeckt und das Essen einer jüdischen Familie verschwand in den Mägen einer christlichen. Mit dieser Erzählung beginnt das Buch. Eine Frau im ICE erzählt sie der Autorin. Die Selbstverständlichkeit, mit der die christlich getaufte Bevölkerung geraubt, geplündert und gemordet hat, wird in den Geschichten von Gudrun Pausewang noch einmal erschreckend deutlich. Viele der kurzen Ereignisse hat die Autorin selbst erlebt oder besser durchlebt. Ihre Eltern waren Nazis und so erlebte sie im Elternhaus schon die nationalsozialistische Wertebildung. Die Schule tat das Übrige.

Pausewang berichtet von einer Lehrerin, die gerne Märchen erzählte. Ein ganz besonderes ist ihr im Gedächtnis geblieben: Zwei Mädchen sitzen beim Zahnarzt, einem jüdischen, der als einziger noch ihre Zahnschmerzen lindern kann. Das eine Mädchen wird in den Behandlungsraum gerufen, die zweite hört Schreie und dann nichts mehr. Nun ist sie an der Reihe. Der grinsende Jude will sie fassen, es gelingt ihr noch zu fliehen. Die Frage einer Schülerin, was denn nun mit dem ersten Mädchen passiert sei, wurde von der Lehrerin mit „Darüber denkt mal nach” beantwortet. Die Wirkung war klar, das geistige Gift erreichte sein Ziel. Besonders zu erwähnen ist eine Erinnerung der Autorin an eine Diskussion ihrer Eltern. Sie hatten beide Hitlers „Mein Kampf” gelesen und wussten über seine Ziele Bescheid. Der Vater verteidigte den Plan, die Juden zu ermorden; die Mutter versuchte, mit Argumenten wie „das sind doch auch Menschen“ zu widersprechen. Doch mit dem Argument „Es muss getan werden. Dem Vaterland zuliebe” hielt der Vater, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, dagegen. Er hat den Krieg nicht überlebt. „Vielleicht ist es gut so”, sagt Pausewang.

Die Geschichten handeln von vielen Alltagssituationen, die sich in den Dörfern des damaligen Deutschlands ereignet haben. Die Autorin lässt sie allerdings nicht unkommentiert stehen. Sie sagt ihre Meinung und zeigt die perfide Art des Systems auf. Auch wenn sich einige Ereignisse in verschiedenen Erzählungen gleichen, ist es eine gut zusammengestellte Auswahl. Geschichten gegen das Vergessen!

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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