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Im Eisland – Die Franklin-Expedition

Autor / Illustrator: Kristina Gehrmann
Seitenzahl:
Erscheinungsjahr / Verlag: Hinstorff Rostock 2015
ISBN: 9783356019018
Preis: 16,99
Genre: Graphic Novel
Thema:
Zielgruppe: Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei

Kurze Inhaltsangabe

Die "Entschleierung" der Erde ist Mitte des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen gelungen. Nur extreme Wege bieten noch das Abenteuer und die Chance, den eigenen Namen mit dem Finden in Verbindung zu bringen und für immer bekannt zu werden. Die Idee, von Europa direkt in den Pazifik fahren zu können, gelingt über die Nordwest-Passage, wenn sie gelingt. Vom Suchen und Scheitern hat Kristina Gehrmann drei Graphic-Novels geschrieben und gezeichnet. Dies ist der erste Band.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Unser Bild von der Erde ist geprägt von eingenordeten Karten ("Norden ist oben"). Gleichzeitig war es schon immer ein Problem, große Gebiete auf einer Ebene darzustellen, da wir es bei der Erde um eine Art Kugel zu tun haben. Die Antarktis- und das Arktisgebiet erscheinen als längliche Fläche, was sie aber gar nicht sind. Wir, heute, haben die Gelegenheit, Bilder aus dem All zu betrachten. So sehen wir, dass es von Nordeuropa in den Pazifik eine ziemlich gerade und relativ kurze Strecke auf dem Meer gibt. Sie führt nördlich an Kanada vorbei. Genau das ist die (noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts geheimnisvolle) "Nordwest-Passage".

Das Problem damals wie heute ist die Kälte. In einem kurzen, vielleicht 3-monatigen Sommer nur könnte es möglich sein, eisfreies Wasser zu durchsegeln, zu durchfahren, Zeit und auch enorme Kosten auf dem Weg nach Asien zu sparen. Doch schon zu Beginn der Franklin-Expedition wird klar, dass man diesen Seeweg nicht als Handelsweg wird nutzen können. Warum also, so fragen sich bereits die britischen Offiziere der beiden Segelschiffe mit Dampfmotorantrieb "Erebus" und "Terror", warum sollen wir die Nordwest-Passage erkunden? Ihre kurze Antwort ist: Weil wir es können. Das ist einerseits vermessen und andererseits falsch.

Die Graphic-Novel nimmt im 15-seitigen Prolog das Ergebnis vorweg: Es endet in einer Katastrophe des Unternehmens wie in einer des menschlichen Überlebenswillens. Davon spüren wir im vorliegenden Band 1 allerdings noch nichts, auch wenn schon hier die Spannungen deutlich werden. Zwei große Dreimaster mit zusätzlichen Dampfmotoren, Unmengen an Proviant, mehr als 130 junge Matrosen und wenige ältere bis alte ranghohe Offiziere sind für deutlich mehr als ein Jahr auf engstem Raum zusammengepfercht. Das Buch klammert auch die Sexualität der Männergesellschaft nicht aus (bleibt da allerdings mehrfach sehr ungenau und unbestimmt), aber schon in diesem ersten Teil der Trilogie wird deutlich, dass die ebenso eine Rolle spielt wie Krankheiten. Skorbut ist bekannt und wird auch vorsorglich bekämpft wie Alkoholsucht. Es gibt zwar kleine Rumrationen, gleichzeitig wird Rausch jedoch bestraft. Seelische Krankheiten wie Depression und ihre Folgen werden aber unterschätzt. Erst recht jedoch werden die möglichen Schwierigkeiten unterschätzt, und es gibt keinen "Plan B", wie der Mannschaft bei einer möglichen Katastrophe eine Rückkehr in die Zivilisation außerhalb der Schiffe gelingen könnte.

Die Geschichte richtet sich ob der gewählten Erzählungsform durch Bilder mit wenig Text nicht nur an Lesefaule, vermittelt aber viel Wissen über diese Bilder. Die sind durchweg in Grautönen gehalten, zwei bis fünf Panels (Bilder) pro Sequenz (Seite), mit zumeist deutlichen Abgrenzungsrahmen. Mehrfach sind Anlehnungen an japanische Mangas erkennbar (Nase- und vor allem Mundstruktur, aber auch Glanz- und Schattenfall auf den Haaren), gleichzeitig wird mehrfach viel Wert auf das Sangesgut (mit Liedzeilen auf Englisch) an Bord gelegt wie auf eine kleine Theateraufführung. Very British, indeed!

Dabei ist Kristine Gehrmann, die Autorin und Zeichnerin der etwa 800 Bilder, Deutsche, ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen und lebt in Hamburg. Ihre Recherchen, um das Buch historisch richtig zu gestalten, führten sogar dazu, dass sie sich nicht nur Schiffspläne, sondern auch 3D-Modelle der HMS Erebus, einer Offizierkabine und vom Kombüsenherd besorgte. Die Personen sind, so genau es ging, ebenfalls historisch belegt, auch wenn es gerade über die Matrosen wenige Quellen gab.

Irgendwann muss sie das Thema derart gepackt haben, dass es sie mindestens für eine lange Zeit nicht mehr losließ. Der erste Teil hat uns jedenfalls ebenfalls so gepackt, dass wir auf die beiden Folgebände sehr gespannt sind. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern vor allem wegen der Art der Aufbereitung.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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