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Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Autor / Illustrator: Anna Woltz Kehn, Regina
Seitenzahl: 176
Erscheinungsjahr / Verlag: Carlsen Hamburg 2015
ISBN: 9783551550996
Preis: 10,99
Genre: Erzählung
Thema: Tod, Außenseiterin/Außenseiter
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

,Samuel ist seltsam. Damit hat er es schwer, denn nicht jeder mag seltsam. Im Urlaub trifft er auf Tess. Auch sie ist seltsam. Gemeinsam versuchen sie, den Vater des Mädchens kennenzulernen, der bisher nicht mal von seiner Tochter wusste. Dabei kommt Samuel auch diesem großen Schatten auf die Spur, der ihn so gnadenlos begleitet und ängstigt: dem Tod!

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Eigentlich ist es ein ganz normaler Urlaub. Der zehnjährige Samuel fährt mit seiner Familie für eine Woche auf die Insel Texel. Gleich am ersten Tag bricht sich Jorre den Fuß. Die beiden Brüder reagieren sehr unterschiedlich. Jorre beißt die Zähne zusammen und erträgt die Situation. Sein kleiner Bruder leidet maßlos und wir erfahren, wo sein Problem liegt: er denkt zu viel. Samuel sieht sich mit seinen Fähigkeiten als Außenseiter und im Moment beschäftigt ihn ein Thema besonders, der Tod. Aber so richtig kommt er mit Denken dabei nicht weiter, und mit Fühlen und Erleben hat er kaum Erfahrung. Das macht ihm Angst.

Dann lernt Samuel Tess kennen. Das Mädchen bezieht ihn ohne Umstände in ihre Erlebniswelt ein. Das schockiert Samuel etwas, aber schon bald merkt er, das die seltsame Tess gut für ihn ist. Also hilft er ihr bei ihrem großen Ferienprojekt. Tess hat ihren Vater auf die Insel eingeladen, um ihn kennen zu lernen. Ihre Mutter ahnt nichts von den Hintergründen. Der Vater weiß nicht einmal von der Existenz seiner Tochter und Tess möchte ihn erst kennen, bevor sie sich entschließt, ihn zum Vater zu nehmen.

Damit ist ihre große Angst nicht so weit entfernt von Samuels. Sie leidet unter der Trennung der Eltern als einem Verlust, den sie aber nicht definieren kann.

Nicht nur nebenbei, sondern ganz direkt wird in der Erzählung von Anna Woltz diese Abwesenheit von geliebten Menschen in ihrer Schmerzhaftigkeit thematisiert. Dabei unterscheidet die Autorin nur unwesentlich zwischen Trennung oder Tod, macht im Gegenteil manchmal sogar die Gemeinsamkeiten sichtbar.

Obwohl der 10-jährige Samuel bisher nur indirekt Kontakt mit dem Thema hatte, macht er sich viele Gedanken dazu, die ihn mehr belasten als er ahnt. Nur die Freundschaft zu Tess holt ihn manchmal auf den Boden der Tatsachen zurück bringt ihn damit einer Lösung näher, als alle seine Experimente das schaffen könnten.

Die Figur des Mädchens öffnet einen weiteren Problemkreis, der aktuell ist, solange Menschen zusammen leben: Wer trifft welche Entscheidungen und verantwortet die Konsequenzen? Wer hat das Recht dazu, wer ist sich der Konsequenzen wirklich bewusst?

Die Trennung vom Vater hat die Mutter lange vor Tess Geburt selbst beschlossen. Damit hat die Mutter gleich zwei Menschen das Recht auf freie Mitbestimmung ihres eigenen Lebens vorenthalten. Diese Entscheidung gesteht Tess ihrer Mutter bei aller Liebe nicht zu. Sie möchte vom Vater selbst abgelehnt werden, wenn sie ihn nicht bei sich haben darf.

Samuel und Tess verbringen einige wunderschöne Ferientage, bis Tess aus einem Missverständnis heraus den gleichen Fehler begeht, wie ihre Mutter zuvor. Das will Samuel nicht zulassen, denn er glaubt es für Tess besser zu wissen. So trifft er eine folgenschwere Entscheidung, im vollen Bewusstsein, dass er damit vier Lebenswege unwiderruflich beeinflusst, damit seine Freundschaft aufs Spiel setzt, und die Preisgabe des Geheimnisses unverzeihlich, unsensibel und völlig unberechtigt ist. Trotzdem, er ist bereit, den Preis dafür zu zahlen – für Tess.

Jeder Leser findet in dieser Geschichte etwas Passendes für sich. Identifikationsfiguren, großväterliche Ratgeber, Spiegelbilder eigener Alltagssorgen oder einfach nur Urlaubsatmosphäre.

Es ist Frau Woltz hervorragend gelungen, zwei sehr schwierige Themen gekonnt miteinander zu verknüpfen, sie altersgerecht, lebensnah und dennoch besonders witzig in Worte zu fassen und dem Leser neben praktischer Lebenshilfe auch noch viel Lesespaß zu bringen. Ganz am Rand klingen viele weitere Themen an, die sich nicht von den anderen lösen lassen: Einsamkeit, Kommunikation in der Familie, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme. Hierzu hat die Autorin einige überraschend einfache Ideen und eine gewisse philosophische Tiefe.

Die zweifarbigen Aquarellzeichnungen von Regina Kehn runden diese Tiefe ab, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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