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Der Junge, der Gedanken lesen konnte. Ein Friedhofskrimi

Autor / Illustrator: Kirsten Boie, Regina Kehn
Seitenzahl: 320
Erscheinungsjahr / Verlag: Oetinger TB Hamburg 2015
ISBN: 9783841503473
Preis: 8,99
Genre: Kriminalerzählung
Thema: Kriminalität Trauer Freundschaft
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

Valentin zieht um, zwangsweise, weil seine Mutter einen neuen, besseren Job in einer anderen Stadt bekommen hat. Dort gerät er in eine verrückte Geschichte: Er stellt fest, dass er Gedanken anderer lesen kann, er freundet sich auf Umwegen mit dem nur auf den ersten Blick obercoolen Mesut an, trifft auf dem Friedhof auf eine Gruppe skurriler, liebenswerter Menschen und klärt zusammen mit Mesut einen Kriminalfall auf.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

In dem Kriminalfall geht es um ein Gespann aus Pfandleiher und Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung, die den Toten vor der Einäscherung Wertsachen wegnehmen und diese verkaufen. Auf die Spur kommt Valentin dem Duo, als er im Schaufenster des Pfandleihers die Uhr des gerade verstorbenen Herrn Schmidt sieht. Herr Schmidt gehörte zu der Gruppe ungewöhnlicher Menschen, die sich auf dem Friedhof begegnen: Herr Schmidt, weil er das Grab seiner Frau besucht, der Totengräber Bronislaw, weil er dort arbeitet, das Ehepaar Schilinsky, das seine bereits erworbene Grabstelle als Kleingarten nutzt und dort gastfreundlich allen, die sich zu ihnen gesellen, Getränke und Grillwürstchen anbietet, und die verwirrte „Dicke Frau“. Und dann eben Valentin, und nachdem er sich mit Mesut angefreundet hat, auch Mesut. Für den es schweinefleischfreies Picknick gibt.

Der Fall um die Diebstähle an den Verstorbenen weitet sich aus: Das Duo hat auch einige Juweliere in der Umgebung ausgeraubt. Valentin kommt den beiden durch seine Fähigkeit zum Gedankenlesen auf die Spur, aber niemand glaubt ihm und Mesut, als sie sich bei Mesuts Bruder, einem Polizisten, Hilfe holen wollen. Deshalb lösen Mesut und Valentin den Fall im Grunde alleine und geraten in eine brenzlige Situation. Niemand glaubt ihnen – klassische Kinder-Krimi-Situation. Aus der brenzligen Situation aber (die beiden Diebe haben sie im Pfandleiherladen eingesperrt) befreit sie dann doch Mesuts Bruder mit seinen Kollegen.

Kirsten Boie erzählt in der ersten Person und folglich konsequent aus Valentins Perspektive. Durch den Kunstgriff, dass Valentin Gedanken und Gefühle anderer unter bestimmten Umständen wahrnehmen kann, ja sogar die Vorstellungsbilder der anderen mit seinem inneren Auge sieht, haben wir aber auch Innensicht in andere Figuren. Das hilft der Autorin vor allem bei der Entwicklung der Freundschaft zwischen Valentin und Mesut, da Valentin sich zuerst etwas von Mesuts coolem Auftreten abschrecken lässt, durch den Blick in seinen Kopf aber sieht, dass der andere Junge auch seine Sorgen, Sehnsüchte und Enttäuschungen mit sich trägt. Aber auch die Lösung des Falles wäre ohne Valentins Gedankenlesen nicht so einfach zu entwickeln, da er die Pläne der Diebe „sehen“ kann. Nur leider können die Jungen der Polizei nicht glaubhaft erzählen, woher ihr Wissen stammt, und so hat ihr Versuch, einen Überfall zu verhindern, keinen Erfolg.

Die Darstellung der Figuren ist wie immer bei Kirsten Boie warmherzig, mit zurückhaltend-freundlicher Komik und sehr lebensnah. Valentin erzählt rückblickend. Dabei flechten sich verschiedene Handlungsstränge und Themen ineinander: Er muss nach dem Umzug mit dem neuen Leben zurechtkommen, er verarbeitet den Tod des älteren Bruders und dass seine Mutter mit ihm Russland verlassen hat, der Vater aber dort zurückgeblieben ist. Er wird mit den Schicksalen der Menschen auf dem Friedhof konfrontiert und klärt eben den Kriminalfall auf.
Das macht es für weniger geübte Leserinnen und Leser nicht immer einfach, dem Handlungsbogen zu folgen und die Fäden im Blick zu behalten. Es entsteht aber durch diese verschiedenen Aspekte Authentizität und Lebensnähe. Ob das fantastische Element, Valentins Fähigkeit zum Gedankenlesen, wirklich stimmig ist, ist zu diskutieren. Auf jeden Fall aber ist das Buch ein anrührender, spannender und auch komischer Lesegenuss für Kinder ab 10 Jahren.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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