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Karlinchen. Ein Kind auf der Flucht

Autor / Illustrator: Annegert Fuchshuber
Seitenzahl: 32
Erscheinungsjahr / Verlag: Betz Annette Berlin 2016
ISBN: 9783219116922
Preis: 14,95
Genre: Bilderbuch
Thema: Migration, Außenseiter, Fantastik
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

Als das Feuer vom Himmel fällt, flüchtet Karlinchen. Doch wohin sie kommt, immer spricht etwas dagegen, dass sie bleiben kann. Eine fantastische Geschichte über ein leider nur zu realistisches Thema.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Feuer fällt vom Himmel, das Haus brennt nieder, aber Karlinchen kann sich retten. Ganz allein läuft sie davon – was mit ihrer Familie geschieht, wird nicht erwähnt. Zuerst kommt sie zu einem Dorf, in dem es nett und gemütlich aussieht. Doch statt ihr zu helfen, rufen die Menschen die Polizei. Ein streunendes Kind gehört doch ins Heim. Nun folgen fantastische Orte: Das Land der Steinbeißer, das Land der Seidenschwänze und das Land der Nebenkrähen. Dort wird Karlinchen zwar freundlich aufgenommen, aber schnell wird jeweils klar, dass sie dort nicht bleiben darf; denn weder isst sie Steine, noch hat sie einen Seidenschwanz – und anstecken gilt nicht – und fliegen kann sie auch nicht. So geht es weiter durch das Land der Schaffraff, die Welt der Armen usw. Karlinchen zieht weiter, bis sie zum Narren kommt, der zwischen Gerümpel auf einem Baum lebt und gern sein Weniges mit Karlinchen teilt. Nun weiß Karlinchen, wie es weitergeht. Sie möchte auch ein Narr werden.

Es ist eine herbe Gesellschaftskritik, die Annegert Fuchshuber hier im Gewand der fantastischen Geschichte erzählt. Denn nicht nur scheint das realistische Szenario sehr offensichtlich durch die farbenreichen und intensiven Bilder hindurch, sie trifft eben auch den Ton einer Gesellschaft, die sich aus ihrer Verantwortung herausargumentiert und dabei den Blick für die eigentlichen Nöte verliert. So sind die fantastischen Figuren nur zum Teil fantastisch, und mal mehr und mal weniger konkret den realistischen Szenarien aktuellen Flüchtlingsdiskussion entnommen.

Das Problem ist nicht nur die mangelnde Hilfsbereitschaft, gerade die egozentrische Haltung, der mangelnde Perspektivenwechsel und die fehlende Bereitschaft, sich auf das Fremde einzulassen, werden hier zum Problem für Karlinchen, die immer wieder beim Versuch anzukommen scheitert. Geschickt inszeniert Fuchshuber hier eine hybride Zwischenwelt, die gerade wegen ihrer Verfremdung so eindrücklich und gar nicht pädagogisierend wirken kann.

Die farbintensiven malerischen Acrylbilder schaffen eindrückliche Szenenbilder, in denen sich die Handlung ganz geschichtenförmig verortet. Das Spiel mit offenen Räumen, (fast) leeren Flächen und reichen Detailbildern wird zur psychologischen Projektionsfläche für die Situation, in die Karlinchen hineingerät. Die prekäre Situation wird darin erträglich, ohne marginalisiert zu werden. So trifft Fuchshuber hier einen angemessenen Ton, der aufrüttelt. Das erstmals 1995 erschienene Buch war sicherlich noch nie so aktuell. Sehr zu empfehlen!

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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