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Buchtipp Archiv

Der König der Meere

Autor / Illustrator: Imapla
Seitenzahl: 20
Erscheinungsjahr / Verlag: Fischer Sauerländer Frankfurt/Main 2016
ISBN: 9783737353564
Preis: 12,99
Genre: Bilderbuch
Thema: Gemeinschaft, Freundschaft
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

Ein Buch mit drei Worten – kann das eine wertvolle Botschaft haben?

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

„Der König der Meere“ ist ein Bilderbuch, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Geschichte wird von den Bildern der katalanischen Illustratorin Imapla erzählt. Die drei enthaltenen Worte untermalen hier die Bilder, nicht andersherum.

Das Buch beginnt mit der ersten, einfachen Zeichnung, ein Fisch, offensichtlich zufrieden vor sich hin blubbernd, schwimmt von links nach rechts durch die aufgeschlagene Doppelseite. Die Zeichnung beruht auf wenigen schwarzen, dicken Strichen, fast wie mit einem schwarzen Filzstift – mal so eben – skizziert. Lediglich die Krone, die der Fisch wie selbstverständlich trägt, ist gelb. Plötzlich naht von hinten (auf der nächsten Seite) ein größerer, schwarzer, gefährlicher Fisch. Er zischt heran und frisst kurzerhand den kleinen, zufriedenen König auf. Dieser ist nun auf der nächsten Seite im Bauch des schwarzen Räubers, sichtlich traurig noch zu sehen. Seinen Blick richtet er auf die Krone, die nun auf dem Haupt des Eroberers thront. Aber nicht lange blubbert alles friedlich dahin, denn schon auf der nächsten Seite kommt ein noch viel größerer Fisch und verschlingt mit einem einzigen „HAPPS“ den schwarzen König samt Inhalt. Wieder wandert die Krone weiter und schmückt nun den Schädel des neuen großen Königs. Etwas Blaues naht, kaum größer als der erste König, aber sichtlich unerschrocken schwimmt er dem riesigen König entgegen und bietet ihm im wörtlichen Sinne die Stirn. Alle drei bisher gekrönten Fische zeigen Erstaunen über dieses unverfrorene Verhalten. Auf der nächsten Seite entschließt sich der riesige Fisch Reißaus zu nehmen, dabei verliert er die Krone. Die (vor-) letzte Seite offenbart, dass der kleine blaue Fisch nicht alleine ist. Er schwimmt mit anderen blauen Fischen gemeinsam durch das Meer. Wenn man schließlich die letzte Seite aufklappt, erfährt man die Pointe: Es handelt sich tatsächlich um einen riesigen Schwarm kleiner Fische, der den König durch die Formation eines großen blauen Fisches in die Flucht geschlagen hat. Am Ende trägt der Schwarm die Krone und bleibt der unumstrittene König der Meere.

Empfohlen wir das Papp-Bilderbuch ab 3 Jahren. Die Zeichnungen scheinen für diese Altersgruppe angemessen zu sein, die Botschaft hingegen halte ich aber für so kleine Kinder nicht für erfassbar.

Spontan hat mich das Bilderbuch angesprochen und mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Dabei war es weniger die Inhaltsebene, die mich gefangen nahm, sondern vielmehr die einfachen aber sehr prägnanten und markanten Zeichnungen. Mit wenigen Strichen vermag es die Künstlerin, die Gefühlszustände der Könige und der Entthronten darzustellen. Und genau dieser Umstand lohnt die Auseinandersetzung mit dem Buch auch im Anfangsunterricht. Erst bei genauer Bildbetrachtung gelingt eine Interpretation des „Blubb“, das als einziges Wort mehrfach auftaucht. Offenbar markiert es jeweils die Zufriedenheit eines frisch gekrönten Königs und wird untermalt durch ein glückliches Lächeln und einen stolzen Blick auf die Krone; die Entmachteten hingegen schwimmen im Leib des Eroberers mit, gucken auch auf die (verlorene) Krone und zeigen deutlich, dass sie unglücklich sind. Hier lohnt sich die Überlegung mit Kindern, worüber sie denn eigentlich enttäuscht sind, darüber dass sie Krone eingebüßt haben, dass sie ihre Freiheit verloren haben oder…?

Mit der Präsentation der Geschichte könnte man beim Auftauchen des blauen Fisches erst einmal innehalten und die Kinder fragen, warum dieser wohl keine Angst vor dem viel, viel größeren Fisch hat. Erst zwei Seiten weiter lüftet sich das Geheimnis, und man kann die Frage nochmals aufgreifen und vielleicht zu einer neuen Interpretation gelangen. Dabei geht es nicht nur um die Kraft der Gemeinschaft, sondern vor allem um den Rückhalt und die Sicherheit, die sie zu bieten hat. Der Fischschwarm übrigens schaut am Ende nicht auf die Krone sondern schlicht nach vorn, auch das könnte manchen Kindern vielleicht auffallen und bietet Raum für sehr weitgehende Überlegungen.

Aufgrund der klaren Bildsprache und der wenigen und obendrein lautmalerischen Wörter halte ich das Buch insbesondere für den inklusiven Anfangsunterricht für sehr geeignet. Es bietet genug Interpretationsspielraum und ist gleichzeitig auf der einfachsten Ebene leicht zu verstehen. Auch Kinder, die noch keine oder wenig Deutschkenntnisse besitzen, haben eine Chance, sich mit dem König der Meere auseinanderzusetzen. Sogar in jahrgangsgemischten Klassen lässt sich das Buch aufgrund der verschiedenen Informations- und Interpretationsebenen gewinnbringend einsetzen.

Ein bisschen schade ist die sehr große Nähe zu Leo Lionnis "Swimmy", das mit einer ähnlichen Botschaft und dem gleichen Symbol für die starke Gemeinschaft daherkommt. Jedenfalls mir ging es im ersten Moment so, dass ich fast enttäuscht über das Ende war. Aber eigentlich kann man ja nicht behaupten, Imapla hätte von Lionni abgeguckt, denn schließlich haben sich beide bei Mutter Natur bedient, also sei es erlaubt.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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