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Ich werde Berge versetzen

Autor / Illustrator: Chen Jianghong
Seitenzahl: 48
Erscheinungsjahr / Verlag: Moritz Frankfurt 2016
ISBN: 9783895653056
Preis: 16,80
Genre: Bilderbuch
Thema: Ausdauer, Willenstärke, Wunder
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff für Arbeitsbücherei

Kurze Inhaltsangabe

Der sechsjährige Sann nimmt sich vor, die Berge zu versetzen, die seine Eltern täglich mühsam überwinden müssen, um zu ihrem Feld zu gelangen. Jeden Tag schleppt er unermüdlich Steine fort. Seine Willensstärke und Ausdauer werden belohnt.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Mit "Ich werde Berge versetzen" greift Jianghong die chinesische Parabel vom närrischen Greis Yu Gong auf, der beschließt, die zwei Berge vor seiner Haustür abzutragen. Aus der Parabel entwickelte sich das Sprichwort „Yu Gong versetzt Berge“, das Mao Zedong 1945 verwendete und so interpretierte, dass die beiden Berge den Imperialismus und Feudalismus darstellten, die es gelte, aus dem Weg zu räumen.

Jianghong verwendet hier die Grundidee, eine übermenschliche Aufgabe durch harte und unermüdliche Arbeit und Willensstärke zu meistern.
Sein Protagonist ist der sechsjährige Junge Sann, der unter ungünstigen Umständen geboren wird und den die Großmutter als schlechtes Omen bezeichnet. Er nimmt sich etwas Unmögliches vor: Die drei riesengroßen Felsen, über die seine Eltern täglich mit großer Mühsal steigen müssen, um zu ihren fruchtbaren Feldern zu gelangen, will er fortschaffen. Tag um Tag schleppt er Steine fort, lässt sich von Rückschlägen nicht entmutigen, bis er im Frühling einen Eremiten in einer verborgenen Höhle entdeckt, in der seltsame Pilze wachsen. Von da an besucht er den alten Mann täglich und trinkt den stärkenden Pilztee, den ihm dieser zubereitet. Am Tag des letzten Herbstmondes steigen der Junge und der Alte hinauf in die Berge, um ein Ritual zu Ehren des Himmels durchzuführen, als drei Drachen erscheinen und die drei Felsen in ihren Klauen forttragen.

Chen Jianghong schafft, wie auch schon in seinen vorangegangenen Bilderbüchern, mit "Ich werde Berge versetzen" einen Einblick in den chinesischen Kulturkreis, ohne gängiges Cross-over, als wolle er ein kulturelles Erbe in seiner ursprünglichen Form bergen oder gar konservieren. Das gilt sowohl für den Plot, die Szenarien, die er erschafft, als auch für die Bildelemente und Details. Er zeigt das Fremde, vielleicht auch Befremdliche mit großer Souveränität, verzichtet auf zusätzliche Erklärungen; beispielsweise der Eremit, weiße Drachen, Räucherstäbchen beim Ritual sind Aspekte, die häufig als exotische Klischees instrumentalisiert werden, hier aber sind sie in ihrem authentischen Kontext verankert.

Die traditionelle Erzählweise durchbricht der Autor, indem er sich auf der Bildebene filmischer Mittel bedient. So nähert er sich zu Beginn seinem Protagonisten indem er sich ins Bild hineinzoomt, von der Totalen (Felsen und ein Haus mit einer geöffneten Tür, darin eine angedeutete Person) über die Halbtotale (Innenraum mit Großmutter, Vater, Mutter und Baby) bis zur Nahaufnahme, die ein lächelndes Baby zeigt. Perspektivenwechsel verwendet er nicht nur, um die Unterschiede zwischen der Kleinheit des Jungen und der Größe der Felsen zu unterstreichen, sondern auch den Verlust des Bodens ob der gigantischen Aufgabe. Oben und Unten lösen sich alptraumhaft auf, Sann träumt, schwebt, dreht sich und mit ihm die Felsen – trägt er die Felsen fort, oder die Felsen ihn?

Abgesehen davon, dass Jianghong malerisch besticht, indem er einen überzeugenden Ausdruck für die verrinnende Zeit, die Kälte des Winters mit einem Schneegestöber und dicken Schneeflocken, die die Sicht behindern, den Frühling mit seinen frischen Farben, das grelle Leuchten der Drachen findet, durch die Verbindung von Text und Bild sogar Klänge evoziert, beweist er einmal mehr, dass er der Meister der Linie ist. Die Qualität seiner Linienführung wird besonders deutlich in drei Bildstreifen, die jeweils die gleiche Nahaufnahme des Gesichtes des Jungen zeigen. Durch minimale Veränderungen der Mundlinie wandelt sich Sanns Ausdruck von Verbissenheit zu Entschlossenheit und schließlich Überzeugung und Klärung, dass er es schaffen wird, die Berge zu versetzen.

Der Autor und Illustrator hat hier ein Buch vorgelegt, das Mut macht, an Wünschen und Träumen, auch wenn sie noch so unerreichbar und unmöglich scheinen, festzuhalten und der aber keinen Hehl daraus macht, dass neben einem festen Willen, täglicher Arbeit und Mühe auch konstante Fürsprecher von Nöten sind, damit große Aufgaben gelingen.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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