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Nusret und die Kuh

Autor / Illustrator: Anja Tuckermann, Mehrdad Zaeri, Uli Krappen
Seitenzahl: 52
Erscheinungsjahr / Verlag: Tulipan München, 2016
ISBN: 9783864293023
Preis: 18,00
Genre: Bilderbuch
Thema: Fremde Kulturen, Familie, Heimat
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

Nusret und die Kuh leben bei Nusrets Großeltern im Kosovo, bis sie zu seinen Eltern nach Deutschland gehen. Ein Buch über Heimat und Fremdheit, Liebe und Sehnsucht...

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Nusret erzählt seine Geschichte. Immer in der Gegenwart berichtet, spannt sie doch einen weiten Bogen durch seine Kindheit. Zuerst lebt er bei seinen Großeltern in der kosovarischen Einsamkeit. Seine Eltern und älteren Geschwister leben in Deutschland. Später geht er mit seiner Lieblingskuh eben dorthin, findet Freunde und lernt lesen und schreiben. Auch die Kuh lernt lesen und schreiben und schreibt nun Briefe an Oma und Opa im Kosovo, die dort der Briefträger lesen muss, weil die beiden nicht lesen können. Beim nächsten Besuch in der Heimat bleibt die Kuh dann wieder im Dorf und Nusret muss nun auch von ihr Abschied nehmen.

Anja Tuckermann erzählt eine eigentümliche Geschichte, in der viele Anleihen an historische Ereignisse wie den Kosovokrieg und aktuelle Entwicklungen wie die Flüchtlingsbewegungen eine Rolle spielen, diese aber verfremdet und fragmentiert thematisiert werden und damit eine seltsame Szenerie entwerfen. Die Heimat-Idylle ist überzeichnet, die Reise von Nusret und der Kuh mutet fantastisch an und dass die Kuh sogar beginnt fernzusehen, zu lesen und zu schreiben ist endgültig ein Übergang ins Reich des Unmöglichen und Wunderbaren. Doch diese Entwicklungen geschehen eher beiläufig. Auch die Erzählinstanz wechselt kurzfristig, die Kuh wird zum Ich-Erzähler.

Zwischen den Zeilen verhandelt Anja Tuckermann dabei Themen wie Heimat und Fremde, Glück und Sehnsucht, und ein Leben, das nach den festen Orientierungspunkten sucht. Nusrets neuer Lebensmittelpunkt wird Deutschland, die Kuh jedoch kommt hier nie richtig an. Für sie ist der Weg zurück ein Glück – und für Nusret ein neuer Schritt auf dem Weg der Ablösung.

Immer wieder wiederholt Nusret seinen eigenen Namen in seinen Erzählungen. Es ist ein Akt der Selbstvergewisserung, der das Eigene im Fremden zu fassen und zu konturieren sucht. Ansonsten ist die Geschichte wenig konsistent. Es sind eher Berichts- und Erzählfetzen, mit vielen Leerstellen und weiten Schnitten versehen. Sie geben Einblick, ohne einen Fall zu konstruieren und erreichen damit im konkreten Beispiel eine universelle Bedeutung – faszinierend und eindrücklich.

Das trifft auch für die Bilder zu. Diese sind in Kooperation der beiden Künstler Mehrhad Zaeri und Uli Krappen entstanden, die am Ende auch über ihre spannende gemeinsame Arbeit berichten. So bietet das Buch zudem noch Einblicke hinter die Kulissen. Die Illustrationen sind großformatige und malerische, doppelseitenfüllende Szenerien, die atmosphärisch eine starke Emotionalität über Farben und zum Teil auch abstrakte Formen erzeugen. Collagenelemente sind kombiniert mit großen pastosen Farbflächen und feinen grafischen Linien. So nimmt das Bild den fragmentarischen Charakter der Handlung auf. Ausgesprochen anregend und sehr zu empfehlen.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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