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Der Geruch von Häusern fremder Leute

Autor / Illustrator: Bonnie-Sue Hitchcock
Seitenzahl: 320
Erscheinungsjahr / Verlag: Carlsen Hamburg 2016
ISBN: 9783551560216
Preis: 17,99
Genre: Adoleszenzroman
Thema: Erwachsenwerden, Freundschaft
Zielgruppe: Büchereigrundstock

Kurze Inhaltsangabe

„Im Dumblings Haus riecht es nach Menschen, die einander gernhaben. Im Haus der Lawrences riecht es, als würde man für jeden Fehler bestraft.“ (273) So wie die Figuren im Roman braucht man als Leser ein feines Gespür, wenn man alle feinen Verbindungen, Blicke und Gesten wahrnehmen will, die diesen Roman zu einem zarten Lesevergnügen machen.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Der in Alaska geboren und aufgewachsenen Autorin Bonnie-Sue Hitchcock ist mit ihrem Roman „Der Geruch von Häusern fremder Leute“ ein Kunstwerk gelungen, das an ein feines Spinnennetz erinnert, welches in der Sonne funkelt. Zart verspinnt sie die Lebenslinien von Ruth, Dora, Hank und Alyce so miteinander, dass ein Netz entsteht, das so unwahrscheinlich ist wie das Leben selber.

Ruth wächst mit ihrer Schwester Lily bei der Großmutter auf, nachdem ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist und die Mutter dessen Tod psychisch nicht verkraftet hat. Doras Eltern sind zwar alkoholkrank und gewalttätig. Dora aber hat das Glück, bei ihrer besten Freundin Dumbling wohnen zu dürfen. Hank ist mit seinen beiden Brüdern Jack und Sam auf der Flucht vor dem Freund der Mutter und Alyce ist innerlich zerrissen zwischen ihren Leidenschaften für Ballett und Fischfang.

Kulisse dieser Schicksale bietet das Alaska der 1970er-Jahre; ein raues aber irgendwie auch ehrliches Land. Und dass Hitchcock dieses Land liebt, das spürt man auf jeder Seite. Was man noch viel deutlicher merkt, ist, dass die Autorin ihre Figuren allesamt sehr liebgewonnen hat. Trotz der schweren Aufgaben, die sie alle zu bewältigen haben, gesteht Hitchcock jeder Figur so viel Grundvertrauen zu, dass man als Leser beglückt ist von dem Optimismus, der von dem Buch ausgeht. Und so wundert es auch nicht, dass man das Buch nach gut 300 Seiten zuschlägt und traurig ist, nun nicht mehr am Leben von Ruth, Dora, Hank und Alyce teilhaben zu dürfen. Über jede dieser liebevoll gezeichneten Charaktere würde man gerne mehr erfahren. Der Roman aber erzählt einzig von der Zeit zwischen Frühling und Herbst. In dieser Zeit kreuzen sich die Lebenswege der Figuren mehrfach. Entweder nur flüchtig, beispielsweise bei einem Blick irgendwo in einem Store am kanadischen Highway. Oder aber unfassbar dramatisch, wenn Alyce Sam auf dem Meer rettet. Die Begegnungen sind die Knotenpunkte, die das Netz der Lebenswege entstehen lassen. Ein Netz, das schlussendlich alle trägt.

Der Roman „Der Geruch von Häusern fremder Leute“ verzichtet, und darin liegt seine Stärke, auf überkandidelte Lebensgeschichten, aufgedrehte Wendungen und hysterische Probleme. Erzählt wir von tief menschlichen Bedürfnissen: Von der Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung, Zuneigung; kurz, dem Wunsch, seinen Platz zu finden. Und diese Reduziertheit des Themas wird getragen von einem Erzählton, der so klar ist, wie der Tau im Spinnennetz des Lebens. Die ruhige und poetische Sprache macht diesen Roman zu einem ganz besonderen Buch. Denn wenn man sich auf die synästhetischen Eindrücke einlässt, dann kann man lernen, dass Freundschaft nach frisch geernteten Blaubeeren schmeckt, und man meint, Zedernholz und Hirschblut zwischen Seiten zu riechen.

Ohne Frage ist dieser Roman ein hochkarätiges Debüt und eines der Bücher des Sommers 2016.

(AJuM Hamburg, Jochen Heins)

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
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