Bundesverband Leseförderung e.V.
Wir lesen, weil wir die Welt verstehen und gestalten wollen

Buchtipp Archiv

Thabo – Detektiv & Gentleman. Die Krokodil-Spur

Autor / Illustrator: Kirsten Boie, Maja Bohn
Seitenzahl: 350
Erscheinungsjahr / Verlag: Oetinger Hamburg 2016
ISBN: 9783789103957
Preis: 12,99
Genre: Kriminalerzählung
Thema: Kinderhandel, Afrika
Zielgruppe: Büchereigrundstock Klassenlesestoff

Kurze Inhaltsangabe

Ein spannender Kinderkrimi, voller vertrauter Muster und doch auch voller fremder Elemente, denn er spielt in Swasiland. Damit bietet das Buch nicht nur eine vergnügliche Lektüre, sondern erzählt auch unaufgeregt und ohne pädagogischen Zeigefinger vom Leben in all seine Widersprüchen in einem der ärmsten Länder Afrikas.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Swasiland – ein kleines Königreich nordöstlich von Südafrika. Ehemalige englische Kolonie. Wirtschaftlich arm, ein Land mit vielen Aidswaisen, aber auch ein Land, in dem Touristen afrikanische Natur erleben wollen.

Ein deutscher Kinderkrimi mit typischen Erzähl- und Spannungsmustern europäischer Kinderkrimis, in bester Tradition also von Enid Blyton oder Alfred Weidemann. Erzählt von einer deutschen Kinderbuchautorin, manchmal sogar sehr norddeutsch – wenn man etwa an die Möwenweg-Bücher denkt. Ja, manchmal sogar fast skandinavisch.

In der Kinderkrimireihe "Thabo – Detektiv & Gentleman" gelingt es Boie hervorragend, die europäische Kinderkrimi-Tradition und den Handlungsort Swasiland zusammenzubringen.

Thabo, ein Waisenjunge, der bei seinem Onkel Vusi, einem Ranger in einem Naturpark, aufwächst, gerät in dem vorliegenden Band zum zweiten Mal in die Situation, ein Verbrechen aufklären zu müssen. Zusammen mit dem weißen Mädchen Emma und dem Freund Sifiso müssen sie sich auf die Suche nach Sifisos großer Schwester Delighty machen, denn die ist verschwunden. In diesem Detektivtrio vereinigen sich drei ganz unterschiedliche soziale Gruppen: Emma, deren Familie zu einer weißen Oberschicht gehört und die außerhalb der Ferien in England ein Internat besucht. Thabo, der mit Onkel Vusi in einem weitgehend geregelten Umfeld aufwächst. Und Sifiso, der auch ohne Eltern aufwächst, der aber sich und seine drei Geschwister alleine durchbringen muss.

Zunächst befürchten die Kinder, dass Delighty auf dem Rückweg aus einem Dorf von einem Krokodil gefressen wurde, doch stellt sich heraus, dass noch mehr Kinder in der Gegend verschwunden sind, so dass sie von einer Entführung ausgehen. Der Verdacht fällt auf einen Sangoma, einen traditionellen Heiler, doch die Kinder wollen nicht an dessen Schuld glauben. Sie stellen den Entführern eine Falle, indem sich Sifosi entführen lassen soll. Das klappt zwar, aber leider bekommen das Thabo und Emma nicht mit. Da Sifosi aber eine Spur gelegt hat, finden sie das Versteck der Entführer und kommen dabei auch dahinter, dass diese die Kinder entführen, um sie als Arbeitskräfte jeglicher Art zu verkaufen. Sie haben sich als Hilfsorganisation getarnt. Aber statt die entführten Kinder befreien zu können, werden sie von den Entführern geschnappt. Mit Hilfe der sehr agilen Miss Agathe, einer Großtante von Emma, und dem verdächtigten Sangoma gelingt aber schließlich die Befreiung der Kinder und Verhaftung der Verbrecher.

Die Handlung an sich und der Aufbau der Spannungskurven sind gelungenes Handwerk und würden dieses Buch noch nicht aus der großen Zahl neuerer Kinderkrimis herausheben. Jedoch wird erstens durch den Handlungsort ein Element geschaffen, das immer wieder für Irritation sorgt: Die Tierwelt mit ihrer Faszination und ihren Gefahren. Die großen sozialen Gegensätze, die ohne Wertung und ohne sie explizit zum Thema zu machen, immer wieder deutlich werden und weit ab von den Erfahrungen liegen, die Kinder machen, die in Deutschland aufwachsen. Die Wörter, die in Siswati – einer der Hauptsprachen in Swasiland – eingestreut werden, sich zum Teil aus dem Kontext erschließen, zum Teil im Text erläutert werden oder aber am Ende des Buches in einem kleinen Lexikon nachgeschlagen werden können.

Zweitens sticht die Erzählperspektive hervor. Der Ich-Erzähler Thabo erzählt nicht nur den Text, sondern spricht regelmäßig einen fiktiven Leser oder eine fiktive Leserin an – wer genau das ist, wissen wir nicht, aber es sind wohl kaum die Kinder in Deutschland, denn er wählt die Höflichkeitsform und bezieht sich explizit auf England: "Ich habe gehört, dass Sie diese Plage [Krokodile in den Flüssen, CJ] in Ihren Flüssen in England nicht haben, und glauben Sie mir, dafür sollten Sie Gott dem Herrn danken. So können Sie Ihr Wasser holen, ohne immerzu in Angst zu sein. Oder Ihre Wäsche waschen. Für uns im Königreich bedeutet der Besuch eines Flussufers immer eine Gefahr." Diese Leseransprache und zum Teil damit verbundene Belehrungen sind nicht jedermanns Sache. Sie können als nervend und überflüssig empfunden werden und vielleicht wird damit die Authentizität des Erzählers auch nicht erhöht. Trotzdem sind diese Einschübe aus meiner Sicht (literarisch) wertvoll, denn sie offenbaren zum einen die individuelle Perspektive von Thabo auf das Geschehen, aber auch auf seine Vorstellung von Welt - in Swasiland und in Europa. Zum anderen wird dadurch auch der etwas schräge Charakter von Thabo deutlich, der den festen Wunsch hat, später nicht nur Detektiv, sondern auch klassischer Gentleman zu werden. Gerade durch diese Erzählperspektive mit den reflexiven Kommentaren gelingt es Boie, die Welt und die Vorstellungen von Menschen in Swasiland darzustellen, ohne sie explizit zu thematisieren, sie in den Mittelpunkt des Erzählten zu stellen. Inwiefern dabei Thabos Perspektive stellvertretend für Denkweisen in Swasiland stehen, können wir Europäer wohl kaum überprüfen, da müssten wir mit Menschen aus Swasiland sprechen, die das Buch gelesen haben.

Auch das Thema "Kinderhandel" wird nicht mit pädagogischem Pathos in den Mittelpunkt gestellt, sondern ist – wie es sich in einem Krimi gehört – das Verbrechen, das es hier aufzuklären gilt. Manches bleibt dabei unausgesprochen, etwa, was mit den Mädchen passieren wird, und es wird auch keine Lösung angeboten, die das Problem ein für alle Mal aus der Welt schafft. Sonst wäre es ja auch nicht ein Kinderkrimi. Trotzdem werden auch kindliche Lesende an einigen Stellen schlucken müssen, was hier für ein Verbrechen geschieht.

Insgesamt gelingt Boie auch mit dem zweiten Band dieser Reihe, einen für Kinder (und Erwachsene?) lesenswerten Krimi zu schreiben, der durch die spezifische Erzählperspektive und den überraschenden Handlungsort unaufgeregt Anlass zum Reflektieren und Überdenken eigener Weltsichten anregen kann.

Christoph Jantzen, AJuM Hamburg

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
← zurück zum Archiv
Bundesverband Leseförderung e.V. | Rathausstr. 37a | 52072 AachenTelefon: +49 (0)700 / 28 537 361 | Sprechzeiten: Di. 15–17 Uhr, Do. 10–12 Uhr
Ein Anruf aus dem deutschen Festnetz kostet:
Mo – Fr von 9 – 18 Uhr: 6,3 ct/30 Sekunden, übrige Zeit: 6,3 ct/Minute
Email: info@bundesverband-lesefoerderung.de© 2009 - 2019 by Bundesverband Leseförderung e.V.