Bundesverband Leseförderung e.V.
Wir lesen, weil wir die Welt verstehen und gestalten wollen

Buchtipp Archiv

Der Glücksfinder

Autor / Illustrator: Edward van de Vendel, Anoush Elman
Seitenzahl: 464
Erscheinungsjahr / Verlag: Carlsen, Hamburg 2016
ISBN: 9783551315670
Preis: 8,99
Genre: Erzählung / Roman
Thema: Flucht, Fremde Kulturen
Zielgruppe: Büchereigrundstock

Kurze Inhaltsangabe

Flüchtlinge sind seit einiger Zeit ein sehr präsentes Thema und die meisten haben hierzu eine Meinung. Doch wer kennt Geflüchtete und deren Erlebnisse persönlich? Die Geschichte von Anoush Elman gibt einen lebhaften Einblick und mag manchen Leser nachdenklich stimmen.

Rezension oder literaturpädagogischer Praxistipp

Hamayun möchte Drehbuchautor werden und kann sich in der Theatergruppe seiner Schule ausprobieren. Er soll ein Stück über sein Leben schreiben - über die Flucht seiner Familie vor den Taliban in Afghanistan.

Die auf den persönlichen Erfahrungen des Autors Anoush Elman basierende Geschichte ist in die Kapitel Comedy, Documentary, Roadmovie, Reality show, Drama und Science fiction unterteilt. Die Autoren springen zwischen der Vergangenheit mit Erinnerungsberichten des zur Zeit der Flucht 8-jährigen Hamayun und seiner Gegenwart als Jugendlicher in den Niederlanden, wo er nun das Theaterstück auf die Beine stellen möchte. Die Zeitsprünge sind nicht zuletzt durch verschiedenen Schriftarten zu erkennen, sodass man nicht durcheinander kommt.

Es geht um Angst, Ungewissheit und Verrat auf der zwangsläufigen Reise, die am Ende ein halbes Jahr dauern sollte. "Knochenträger" nennt der Protagonist die Menschenschlepper, die sie mit Autos, Bussen und ewige Strecken zu Fuß durch ganz Europa führten. Sie wissen nicht wohin, Hauptsache weg von der Talibanregierung, Hinrichtungen im Fußballstadion, Schulen mit zerschossenen Fenstern und ohne Mädchen. Der Leser erfährt viel über den Alltag in Afghanistan zur Zeit der Terroranschläge vom 11. September 2001, wovon man sich hier das meiste kaum vorstellen kann oder mag. Etwa dass sogar der Jungenhaarschnitt festgelegt war, von der "Sittenpolizei" kontrolliert und ggf. barsch korrigiert wurde. Man bekommt eine Idee davon, warum Hamayuns Familie weg wollte. Der große Bruder reiste vorneweg, die Großmütter und der jüngste Bruder blieben zurück. Es ist eine Geschichte über Familie und auch Freundschaft.

Die wiederkehrende Verwendung muttersprachlicher Begriffe wie "Batschem, Madar und Padar" für "Mein Sohn, Mutter und Vater" trug dazu bei, dass ich mich sehr gut in die Geschichte hineinversetzt fühlte. Ich hielt die Luft an, als Taliban am Wegesrand schliefen und Hamayun im Kofferraum fast keine Luft bekam und fieberte mit jedem neuen Asylantrag, dessen Ablehnung und Berufung mit. Ich hatte keine Vorstellung von der Situation in Auffanglagern und Asylbewerberheimen. Fast lindernd wirken die Passagen, in denen es um ganz gewöhnliche Alltagsprobleme Heranwachsender geht wie die ersten Schwärmereien für Mädchen. Froh ist man auch über die positiven Erfahrungen, die Elman mit den Niederlanden nach seiner Ankunft beschreibt.

Ausgefallen finde ich das Ende bzw. die Tatsache, dass es zwei davon gibt. In "The happy ending" gehen alle Handlungsstränge auf zweieinhalb Seiten gut aus. "The alternative ending" fällt wesentlich pessimistischer aus, bleibt offen und entspricht vermutlich häufiger der Realität. Es lässt den Leser schließlich nachdenklich zurück.

Man bekommt ein Gefühl dafür, dass "Flucht" viel mehr bedeutet, als eine gefährliche Bootsfahrt.

www.ajum.de


Rezensent: AJuM
← zurück zum Archiv
Bundesverband Leseförderung e.V. | Rathausstr. 37a | 52072 AachenTelefon: +49 (0)700 / 28 537 361 | Sprechzeiten: Di. 15–17 Uhr, Do. 10–12 Uhr
Ein Anruf aus dem deutschen Festnetz kostet:
Mo – Fr von 9 – 18 Uhr: 6,3 ct/30 Sekunden, übrige Zeit: 6,3 ct/Minute
Email: info@bundesverband-lesefoerderung.de© 2009 - 2019 by Bundesverband Leseförderung e.V.