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Neue Wege in der Leseförderung. Praxishandbuch reagiert auf sinkende Lesekompetenzen

Jedes vierte Kind in Deutschland kann am Ende der vierten Klasse nicht ausreichend lesen. Das zeigt die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU), die die Lesekompetenz von Kindern aus unterschiedlichen Ländern vergleicht.

Forschung trifft Praxis: Lösungen für den Schulalltag

Hier setzt das neue „Handbuch Leseförderung“ von Simone Naphegyi und Annemarie Niklas an, das bei Klett I Kallmeyer im Friedrich Verlag erscheint. Die Autorinnen verbinden aktuelle Forschung mit konkreten Unterrichtsideen und zeigen, wie Lehrkräfte Kinder beim Lesen voranbringen können. „Jedes Kapitel beginnt mit einer konkreten Fragestellung aus dem Schulalltag“, erklärt Simone Naphegyi, Professorin für Fachdidaktik Deutsch an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. „Warum versteht Boris den Text nicht, obwohl er alle Wörter lesen kann? Warum verweigert Mia das Vorlesen? Wir zeigen dann Schritt für Schritt, was helfen kann – wissenschaftlich fundiert und direkt umsetzbar.“

Das Handbuch macht dabei sichtbar, was im Kopf passiert, wenn Kinder lesen. Es erklärt, warum manche Schüler:innen zwar Buchstaben entziffern, aber keinen Sinn erschließen. Und es liefert Werkzeuge: sogenannte „Lesepfade“, die Kindern helfen, Betonungen zu erkennen, Wortgruppen zu erfassen und Textzusammenhänge herzustellen. „Die deutsche Großschreibung ist eine echte Lesehilfe“, betont Annemarie Niklas, Akademische Oberrätin für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Augsburg. „Kinder können lernen, sie gezielt zu nutzen, um Texte besser zu verstehen.“ Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Motivation. Niklas und Naphegyi haben zeitgemäße Gedichte, Bilderbücher und Comics ausgewählt, die Grundschulkinder wirklich ansprechen.

Von KI bis Lesehund: Innovative Ansätze für den Unterricht

Das Handbuch greift auch den Einsatz von KI auf. Die Autorinnen demonstrieren, wie Lehrkräfte mit ChatGPT Texte so verändern können, dass Kinder Zusammenhänge leichter erkennen – ohne dass die Texte vereinfacht werden. „Es geht nicht darum, Texte einfacher zu machen, sondern Brücken zu bauen“, erklärt Naphegyi. „KI kann uns dabei helfen, Texte so zu gestalten, dass Kinder Schritt für Schritt lernen, Sinn zu konstruieren.“

Ungewöhnliche Ansätze finden ebenfalls Berücksichtigung: Lesehunde können Kinder wieder ans Lesen heranführen. Die Tiere reduzieren Stress, schaffen eine wertungsfreie Atmosphäre und motivieren zum Üben. Wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit.

Besonders praxisnah sind die zahlreichen Kopiervorlagen, die zum Download bereitstehen. Sie reichen von Übungen zur Betonung über Arbeitsblätter zu Gedichten bis hin zu Lesetagebüchern für die Arbeit mit dem Lesehund. Ein begleitender Podcast vertieft zentrale Inhalte und lädt zum Nachhören ein. „Wir wollten ein Buch schreiben, das Lehrkräfte wirklich unterstützt“, sagt Niklas. „Eines, das man aufschlägt, wenn man nicht weiterkommt – und das konkrete Antworten gibt.“ Das Handbuch richtet sich an Grundschullehrkräfte, Referendar:innen und alle, die Leseförderung zeitgemäß gestalten möchten.